Als ob eine Säule

Künstler: Albert Hien (1956)

Aufstellungsjahr: 1994

Albert Hien ist in München geboren, wo er auch heute lebt. Nach seiner Schulzeit absolvierte er 1975 bis 1976 ein Praktikum in Mosaik und Glasmalerei, besuchte dann anschließend von 1976 bis 1982 die Akademie der Bildenden Künste in München und schloss das Studium mit dem ersten Staatsexamen ab. 1982 erhielt er vom deutschen akademischen Austauschdienst ein Stipendium für Studien in Italien, wo er sich bis 1983 aufhielt. Anschließend war er von 1983 bis 1986 Assistent an der Akademie der Bildenden Künste in München und weilte von 1986 bis 1987 als Stipendiat des Freistaates Bayern zum Studium in Los Angeles. 1988 bis 1989 war er als Stipendiat in der Villa Massimo in Rom. Von 1997 bis 2001 lehrte er als Professor an der Hochschule für Bildende Kunst in Braunschweig und seit 2001 als Professor an der Akademie der Bildenden Künste in München. Nahezu jährlich sind Werke von ihm in Einzel- und Gruppenausstellungen in der Bundesrepublik Deutschland und dem Ausland vertreten, wo­ von besonders dieTeilnahme an der Dokumenta 7 und 8 sowie an der Biennale X III in Sao Paulo als deutscher Beitrag zu nennen sind. Groß ist gleichfalls die Zahl seiner Projekte und permanent installierten Arbeiten im öffentlichen Raum und in öffentlichen Gebäuden.

Nachdem Albert Hien 1991 seine ersten Arbeiten im öffentlichen Raum im deutschen Südwesten vor dem Landratsamt in Villingen-Schwenningen installiert hatte, konnte er 1994 als Gewinner eines beschränkten Wettbewerbs ein Projekt in Müllheim realisieren. Hier hatte die Sparkasse Markgräflerland den Eingangsbereich ihrer Hauptstelle an der Werderstraße durch einen Servicebereich erweitert; über diesen wurde zum Schutz der Besucher ein weit vorgezogenes, selbsttragendes flaches Dach angebracht. Da der Architekt mit der Ängstlichkeit des Publikums rechnete, das die Stabilität der Konstruktion in Zweifel ziehen könnte, wurde ein Stahlträger unter das Dach gestellt der jedoch - entgegen dem Anschein - keine tragende Funktion hat. Hier wurde dem Künstler die Aufgabe gestellt, diesen unschön wirkenden Träger zu "kaschieren", eine Aufgabe, die der Querdenker Albert Hien auf eine für ihn typische Weise gelöst hat. Neben dem neuen Eingangsbereich liegt in naher Sichtweite der alte Haupteingang zur Sparkasse, der 1920 als Tempelfassade mit Giebel über zwei Säulen, nach dem allerdings viel aufwendigeren Bankgebäude in der Wall Street New York, gestaltet worden war. Er wirkt heute als Relikt der Vergangenheit, wenn auch städtebaulich durchaus originell. Auf diese Tempelfassade wollte Hien eine Antwort finden, denn, wie er in seinem Plan erläuterte: "Dabei geht es nicht um ein bloßes kosmetisches Umhüllen der vorhandenen Stahlstütze, sondern um ein visuell nachvollziehbares Verfahren der Entwicklung einer Säule."

Der Künstler bietet dem Betrachter die Illusion einer Säule, die er gewissermaßen im gleichen Atemzug­ wieder desillusioniert. Aus fünf Marmorwürfeln bohrt er einen Kern heraus, der dem Teilstück einer kannelierten Säule entspricht. Diese bohrt er an einer Stelle so weit auf, dass man die Säulentrommel gleichsam als Schale über den Stahlträger schieben kann, so dass dieser durch die Säule ersetzt erscheint. Durch die auf der Rückseite verlegte Öffnung sieht man allerdings den Träger, ebenso wie oben und unten, wo die "Säule" ein Stück über dem Boden quasi schwebt und oben nicht ganz an das Dach reicht. Der Künstler spielt seinen Trick mit offenen Karten, aber nicht nur dies, er verrät ihn sogar durch ein großes Werkstück, das er demonstrativ daneben legt. Man sieht wie das, was bei den Griechen und Römern geschulte Stein­metzen in Hand- und Meißelarbeit aus dem Marmor herausgehauen haben, heute durch einfache Bohrung auch erreicht werden kann - allerdings ohne die "Entaris", nämlich das dynamische An- und Ab­schwellen der Säule im Verlauf ihrer Höhe, wo jede Säulentrommel in der ganzen Fassade des antiken Tempels nur ein einziges Mal vorkommt. Der Künstler stellt uns hier den Unterschied von handwerklicher Anfertigung und industrieller Fertigung vor Augen, mit versteckter Ironie, die im Übrigen für alle seine Schöpfungen charakteristisch ist. Im Hinblick auf den benachbarten Tempel des alten Eingangs wird deutlich, was sein Interpret Uwe Conradt an anderer Stelle gesagt hat "Hien's Arbeiten sind niemals an beliebigen Orten zu platzieren. Inhaltlich und formal geht er immer von den Bedingungen aus, die der jeweilige Aufstellungsort bietet".

Quelle: Buch "Kunst im öffentlichen Raum im Geschäftsbereich der Sparkasse Markgräflerland"

freier Eintritt
frei zugänglich / immer geöffnet

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